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Dienstag, 18. Juni 2019

Filmkritik: Nacht der Wölfe (1982)

(c) SchröderMedia HandelsgmbH
Was macht eigentlich den Unterschied aus, zwischen einen Film der zum absoluten Klassiker wurde und einem Film, der bereits nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwunden ist? Zunächst würde man vermuten, dass dies Dinge sind wie Schauspieler, Story oder ein ausgefallenes Drehbuch. Das ist zwar richtig - am Schluss geht es aber vor allem darum, ob ein Film gut gealtert ist und auch nach 40, 50 oder mehr Jahren immer noch funktioniert. Taxi Driver wäre z. B. so ein Film. Den Film den wir heute uns näher betrachten ist jedoch schlecht gealtert. Vielleicht sogar wahnsinnig schlecht, so das man von Glück reden kann, dass er überhaupt die Chance bekommen hat auf Bluray released zu werden (Wenn auch in niedriger Auflage, was die hohen Preise erklären würde). Der Film Nacht der Wölfe von Wolfgang Nüchtern (Witze über den Namen des Regisseurs im Zusammenhang mit dem Film kommen weiter unten) wirkt nach fast 40 Jahrzehnten über weite Teile eher lächerlich und zum fremdschämen - und das obwohl die Story alles andere als lustig gemeint ist.
Die Geschichte ist relativ schnell erzählt: Die Revengers sind eine knallharte Gang und beherrschen die Straßen in der Münchner Downtown - oder wie die Einheimischen sagen "Haidhausen". Doch die Dominanz ist gefährdet: Eine türkische Großfamilie zieht in das Revier der Revengers und eröffnet eine Bäckerei (nein, kein Wettstudio, Dönerladen, Handy-Ramschladen oder eine Sisha Bar wie man es erwarten könnte, sondern eine ganz biedere Bäckerei). Für die Revengers jedoch eine Provokation. Komplett entgleist die Situation, als ein Sprößling der osmanischen Neubürger es wagt sich in einer Gang-Kutte des Türken-Klans "Blutige Adler" auf der Straße zu zeigen. Bei den Revengers ist es einzig die (halbwegs) klar denkende Daniela, die nicht allzuviel von dem aufziehenden Gang-Krieg hält. Als sie nach einiger Zeit auch noch die Seiten wechselt und sich mit Dogan, Mitglied der Blutigen Adler, anfreundet eskaliert die Situation völlig. München brennt! Oder zumindest der Kinder-Spielplatz in Haidhausen.
Auch ohne eine tiefgreifende Filmanalyse stellt man schon nach 10 Minuten des Filmes fest, dass der Film seltsam anmutet. Irgendwie schlecht gealtert ist - und komplett deplaziert in der heutigen Zeit wirkt. Dies liegt vor allem mit der Darstellung der Hauptdarsteller, allesamt Mitglieder der Gang Revengers. Denn auch wenn sich Gangs in der Regel außerhalb des Gesetzes bewegen, stellen sie normalerweise irgendwas dar oder vertreten eine Gesinnung. Sei es Profit mit Drogenverkauf, das propagieren einer extremen politischen Richtung oder das huldigen irgendwelcher Bands. Die Revengers sind jedoch alles und nichts. Sie sind weder Drogendealer oder Nazirocker. Auch keine Anarchisten und haben weder Struktur oder irgendwelche Ziele - außer das aufmischen der Straße, wie sie Eingangs des Filmes selbst feststellen. Dies zeigt sich z. B., dass sie in der Stadt demonstrativ Bier trinken und die Dosen überall auf den Boden schmeißen bis die Polizei anrückt. Mit wirklichen Gang-Verhalten hat dies allerding wohl weniger zu tun als mit einer postpubertären Verhaltensstörung. Auch sonst wirkt die Gang im Vergleich zu "richtigen" Gangs wie ein Haufen geistig stehengebliebener Mittzwanziger: Hier ein Graffiti auf die Mittagskarte eines Gasthauses, dort einmal breitbeinig älteren Herrschaften keinen Platz auf dem Gehweg gemacht oder in der Eisdiele Metal voll aufgedreht auf der Jukebox hören. Eine schöne Zeit muss das gewesen sein, als man Abends durch die Stadt ging und die größte Angst darin bestand, dass die Gangs den Bürgersteig nicht frei machen oder einen Schnulli nennen.
Aber genau hier zeigt sich auch das größte Problem im Film: Diese Gang strahlt rein überhaupt nichts bedrohliches aus. Ob es damals wirklich so war, oder Herr Nüchtern beim schreiben alles andere als nüchtern war und deshalb einen so naiven Blick auf kriminelle Vereinigungen hat, vermag man nicht zu beurteilen. Doch nicht nur das auftreten der Gang als Kollektiv - auch das Verhalten der einzelnen Mitglieder erinnert eher an 15 Jährige Schüler im Trotzmodus, als an vermeinlich Schwerkriminelle Gangster.
An dieser Stelle würde man wohl denken, dass man sich den Film eigentlich sparen kann. Doch nein! Bloß nicht. Nacht der Wölfe ist nämlich trotz - oder gerade wegen diesen Mankos - ein schöner trashiger 80iger Jahre Film. Ein Film, der fast nur mit Laiendarstellern aufwartet, deren einziger Leinwandauftritt in diesem Machwerk waren. Ein Film, der selbst meistens nicht weiß was er sein will: Drama? Liebesfilm? Actionfilm? Punkfilm? Alles ein bisschen - aber nichts wirklich. Ein Soundtrack von der deutschen Metalband Accept rundet das Bild ab, welche sich über jede Menge Werbung für Ihre Songs gefreut haben dürften. Ebenfalls schön ist es zu sehen, wie München vor bald 40 Jahren aussah. Wer sich von dem aktuellen hohen Preis nicht abschrecken lässt (oder den Film anderweitig günstiger Streamen kann) hat einen schönen Einblick in die Filmschaffenden Landschaft von Deutschland der frühen 80iger Jahren. filmdetails

Dienstag, 19. April 2016

Filmkritik: I Spit on your Grave 3 - Vengeance is mine (2015)

(c) ELEA-Media
Bei der zweiten Fortsetzung des Remakes eines 70iger Jahre Rape-And-Revenge Filmes sollte die Erwartung nicht allzu hoch sein. Nachdem aber das Remake allerdings schon alles andere als schlecht war ist Hoffung da. Und tatsächlich: auch dieser Film ist alles andere als schlecht. Ein Nischenprodukt mit Sicherheit - jedoch bestimmt nicht mies. Dieser Teil knüpft direkt an Teil 1 an und lässt sogar zweifeln ob der Film dem Rape-And-Revenge Genre überhaupt noch zuzordnen ist. Vielmehr geht es hier um Rache sowie Selbstjustiz.
Jennifer ist nach den Ereignissen aus Teil 1 traumatisiert und sucht Hilfe bei einer Therapeutin. Geplagt von Gewaltfantasien und Wahnvorstellungen versucht sie ihr Leben in den Griff zu bekommen und besucht deswegen eine Selbsthilfegruppe für Opfer sexueller Gewalt. Dort lernt sie die extrovertierte Marla kennen, die Jennifer schon bald den Weg in ein neues Leben zeigt. Dieser Weg ist jedoch alles ander als harmlos.
Wie im ersten Teil spielt Sarah Butler auch hier wieder überzeugend die Hauptrolle. Nachdem ewas trägen zweiten Teil der Neuverfilmung muss man zugeben, dass Teil 3 qualitativ wie auch Storytechnisch an Teil 1 anschließt. Dies ist vor allem Sarah Butler zuzurechnen, die auch hier eine gute schauspielerisch Leistung liefert. Dazu kommt ein durchaus überraschendes Ende, was in einer Low Budget Produktion nicht wirklich zu erwarten ist. Anzumerken ist, dass gerade in der unrated Fassung die mir vorlag (und die keine FSK Freigabe hat) einige wirklich heftige Szenen enthalten sind. Wer mit Filmgewalt umgehen kann und auch bereit ist etwas tiefer in die Tasche zu greifen macht jedoch nichts falsch. filmdetails

Sonntag, 8. März 2015

Filmkritik: Northmen - A Viking Saga (2014)

(c) Ascot Elite
Manchmal ist es schwierig sich auf einen Film einzustellen. Gerade bei Filmen die einen historischen Kontext haben gibt es ja eigentlich nur zwei Kategorieren: Entweder ist der Film historisch korrekt oder er ist es, naja - eben überhaupt nicht. Das ein Film bzw. eine Serie im Wikinger-Genre historisch halbwegs korrekt sein kann und gleichzeitig Unterhält, hat die TV-Serie Vikings bereits bewiesen. Da Wikinger also gerade wieder etwas im Trend sind, erregt ein weiterer Film zu dem Thema natürlich seine Aufmerksamkeit. Noch dazu, wenn im Vorfeld Werbung gemacht wurde, dass man Johan Hegg - Sänger der Band Amon Amarth - in einer Nebenrolle sehen wird. Der Zielgruppe wird es gefallen.
Um es aber gleich vorweg zu nehmen: Northmen - A Viking Saga ist weder historisch korrekt noch erhebt er Anspruch dies zu sein. Aber auch auf filmischer Sicht gibt es viele Ungereimtheiten, die einem beim genaueren Ansehen sofort ins Auge fallen - dazu später mehr.
England um das Jahr 800. Eine Gruppe von verstoßenen Wikingern will eigentlich auf Beutezug gehen, wird aber nach dem Kentern ihres Schiffes irgendwo an die Englische Küste angespült. Dort treffen sie auf eine Gruppe Engländer, samt Königstochter. Nachdem die Wikinger sich in ihrer ersten Schlacht an Land erfolgreich geschlagen haben, nehmen sie kurzerhand die Königstochter als Geisel um ein hohes Lösegeld für sie einzufordern. Der König hat jedoch andere Pläne - und die haben leider sehr wenig mit dem Zahlen eines Lösegeldes zu tun: Die Wikinger inklusive ihrer Geisel werden nun zu den Gejagten des Königs. Dabei treffen sie auf den mysteriösen Mönch Conall, der dem Wikingertrupp zur Seite steht.
Wie schon Eingangs geklärt haben wir es Qualitativ leider nicht mit einem Kinofilm zu tun, welcher mit der themenverwandten bekannten TV-Serie nur ansatzweise mithalten kann. Das Setting ist jedoch ähnlich - Wikinger halt - und dazu in der selben Zeit angesiedelt, nämlich um das Jahr 800, kurz nach dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne. Wenn man diverse Ungereimtheiten ausblendet - z. B. wie es die ständig fliehenden Wikinger schaffen unterwegs noch den Wald voll mit aufwändigen Fallen zu dekorieren - kann man gut Unterhalten werden. Gut ist aber auch nur relativ zu sehen. richtiger Trash ist der Film nicht - technisch durchaus überzeugend und umgesetzt mit schönen Bildern. Die Anspruch der Story ist jedoch nicht wesentlich höher als bei einer Folge Xena oder Hercules. So gesehen ein idealer Sonntag-Nachmittagsfilm, sofern man Wikinger mag. filmdetails

Sonntag, 1. März 2015

Filmkritik: Massaker in Klasse 13 (1976)

(c) Laser Paradise
Massaker in Klasse 13: So der deutsche Name und man ist zunächst wieder einmal geneigt über den deutschen Titel herzuziehen. In diesem Fall wäre es aber nicht gerechtfertigt, da der Original Titel Massacre at Central High heisst. Also keine Schuld des deutschen Verleihs, sondern des Studios. Und der Titel ist übrigens tatsächlich nicht gerechtfertigt: Ein Massaker im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Dafür einige Morde. Und das Ganze besitzt sogar wesentlich mehr Tiefgang als man zunächst vermuten sollte. Vom extrem reißerischen Laser Paradise Cover (siehe Bild) will ich gar nicht erst anfangen zu reden.
David ist der Neue am College. Dort trifft er auf Mark, einen alten Kumpel, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Mark hat sich inzwischen mit einer Gruppe Jugendlicher angefreundet. Diese sind jedoch alles andere als nett: Sie mobben, unterdrücken und belästigen alle anderen Schüler des Colleges. Obwohl Mark David rät sich anzupassen und bei der Gang mitzumachen weigert sich David. Er hat einen großen Gerechtigkeitssinn und kann überhaupt nicht gutheißen, was die Gang so alles treibt. Als er sich offensiv gegen die Gruppe stellt und überdies noch mit einem Außenseiter zusammen demonstrativ an den Mobbern vorbei geht eskaliert die Lage. Die Gang überfällt David, der bei dem Angriff zum Krüppel wird. Ab diesem Moment sind die Karten gemischt: David startet - obwohl er inzwischen behindert ist - einen umbamherzigen Rachefeldzug gegen die Gang.
Okay - zunächst einmal muss man über einiges hinwegsehen. Da wär zum Beispiel, dass die komplette Schule offenbar nur aus 20 Schülern besteht. Und auch die Tatsache, dass es keiner Lehrer gibt fällt dem Zuschauer recht schnell auf. Sieht man darüber hinweg machen sich jedoch zwei grundlegenden Dinge posititiv bemerkbar: Zunächst einmal sind es die variantenreichen Todesarten der Gangmitglieder. Hier ist David nämlich alles andere als Einfallslos: Jeder der bösen Buben wird ganz kreativ auf eine spezielle - der Persönlichkeit entsprechenden - Art umgebracht. Während der sportliche Schwimmer in einen Pool ohne Wasser gelockt wird, muss der leidenschaftliche Autofahrer Paul selbstverständlich im Auto dran glauben. Auch wenn es nur Details sind, merkt man, dass der Autor sich hier Mühe gegeben hat.
Zweiter positive Aspekt ist die politische Botschaft, auch wenn sie plump rüberkommt: Nachdem die Gangmitglieder fast alle getötet wurden macht sich in der Schule ein merkwürdiges Machtvakuum breit. Jeder - vom Bibliotheksnerd bis hin zum Klischeemobbingopfer - will auf einmal der neue beste Freund von David werden und selbst eine Gang aufmachen. Anarchie macht sich breit und die Schüler wissen nicht wohin mit ihrer neu gewonnenen Freiheit. Mark hat jedoch ganz andere Pläne.
Massaker in Klasse 13 ist ein sehr interessanter Film und kredenzt dem Filmfan weit mehr als der Titel verspricht. filmdetails

Sonntag, 15. Februar 2015

Filmkritik: Cannibal Man (1972)

In einer Zeit vor VHS, DVD oder gar BluRay musste sich der deutsche bzw. europäische Filmverleih so einiges einfallen lassen um die Leute ins Kino zu holen. Ein Film der im spanischen Original La semana del asesino heißt und wortwörtlich übersetzt Die Woche des Mörders bedeutete, lockt Samstag Abends natürlich weniger junge Erwachsene ins Kino als ein Cannibal Man. Das der Deutsche Titel hier wiederum eigentlich ein englischer ist, scheint egal zu sein. Der alternative - echte Deutsche - Titel ist übrigens Das Haus des blutigen Grauens und hört sich fast noch trashiger an. So hat sich  letztendlich der internationale Titel Cannibal Man durchgesetzt. Auch mir suggerierte der Titel unbedeutenden Trash aus der untersten Schublade, weshalb er in meinem Movie-Backlog doch ziemlich weit unten angesiedelt war. Durch einen Zufall hab ich es Channard zu verdanken, den Film viel doch früher als geplant gesehen zu haben. Und es hat sich gelohnt. Anders als erwartet handelt es sich nämlich um einen waschechten Thriller und keinen weiteren südeuropäischen Kannibalenschocker von der Slasher-Stange.
Marcos ist ein junger Mann um die 30 und verdient sein Lebensunterhalt im Schlachthof. Trotz harter Arbeit reicht es gerade so aus, um zusammen mit seinem Bruder, einem LKW Fahrer, in einer kleiner heruntergekommenen Hütte zu wohnen. Nicht unweit von dort steht ein Hochhaus mit Luxusappartments, welche die besserverdienende Schicht beherbergt. In einem dieser Appartments wohnt der reiche Néstor, der im späteren Teil der Geschichte noch eine wichtige Rolle einnimmt. Nach einem harten Tag im Schlachthof trifft Marcos seine deutlich jüngere Freundin Paula, die aus gutem Hause stammt. Als die beiden mit dem Taxi heimfahren wollen kommt es zur Katastrophe: Nach einem Streit wird Paula vom Taxifahrer angegriffen. In Notwehr schlägt Marcos den Taxifahrer mit einem Stein zu Boden und die Beiden hauen ab. Am nächsten Tag erfährt das Pärchen aus der Zeitung: Der Taxisfahrer ist an den Folgen der Verletzung gestorben. Ab diesen Moment beginnt eine nicht aufzuhaltene Spirale der Gewalt, bei der Marcos aus Angst vor der Polizei langsam zum Psychopathen wird. Um nicht entdeckt zu werden verliert er langsam aber sicher jegliches Mitgefühl und geht immer skrupeloser vor.
Um ganz in der obersten Liga des Psychothriller Genres mitzuspielen reicht es mit Sicherheit nicht. Trotzdem schafft es Cannibal Man ein interssantes Psychogramm aufzubauen, wie ein scheinbar normaler Mensch nach einem unerwarteteten Ereignis innerhalb einer Woche zum Serienmörder werden kann. Dabei kommt der Film jedoch seiner Zeit entsprechend nicht ohne einige derbe Slasher Effekte aus. Nach heutiger Zeit wirken diese jedoch so harmlos, dass eine 16er Freigabe sicherlich unbedenkdlich wäre. Weitaus gruseliger als die Effekte ist jedoch die Geschichte an sich: Marcos ist Held und Antiheld gleichzeitig. Obwohl man seine Taten alles andere als gutheißen kann, fiebert der Zuschauer mit und hofft, dass Marcos nicht erwischt wird. Letztendlich muss man sich eingestehen, dass man gerade am Anfang des Filmes fast Mitleid für Marcos empfindet: Immerhin ist er nicht Täter, sondern er und seine Freundin die Opfer eines des aggressiven Taxifahrers gewesen, der zuerst gewalttätig wurde. Interessant ist auch die Tatsache, wenn man überlegt, dass der Hauptcharakter letztenendlich - wenn er sich direkt der Polizei gestellt hätte - vermutlich mit Notwehr durchgekommen wurde. Am Ende des Filmes kann Marcos aber selbstverständlich auf keine Milde des Gesetzes oder das Mitleid seiner Mitmenschen hoffen. Cannibal Man ist ein weitgehend unbekannter und vor allem unterschätzter Film, der zwischen den gefühlt unendlich viel produzierten Trash seiner Zeits gnadenlos unterging. Für jeden Filmfan von Thrillern aus dieser Zeit ein absolutes Muss! filmdetails

Sonntag, 27. Januar 2013

Filmkritik: Ein Mann sieht rot (1974)

Cover der (c) Kinowelt DVD
Paul Kersey, ein erfolgreicher New Yorker Architekt, hat gerade mit seiner Frau Joanna den gemeinsamen Hawaii Urlaub beendet. Kaum zurück in der Großstadt, machen sich wieder die Alltagszwänge bemerkbar: Im Architekturbüro bahnt sich ein neues Großprojekt an - seine Frau und Tochter Carol gehen derweil Einkäufe erledigen. Im Supermarkt treiben sich drei junge arbeitslose Männer herum, die durch ihr rüpelhaftes Verhalten auffallen und durch einen aufmerksamen Moment in den Besitz der Adresse der Familie Kersey gelangen.
Auf dem Rückweg nach Hause werden Joanna und Carol von den Dreien verfolgt, die sich Zugang zur Wohnung und den Raub von Wertgegenständen geplant haben. Durch eine Finte und in guter Absicht öffnet Carol den Vandalen die Tür, die daraufhin vorstürmen und direkt ihre Stärke demonstrieren: Beide Frauen werden brutal geschlagen, Carol gar vergewaltigt.
Mit ein paar wenigen Dollar machen sich die Halunken aus dem Staub. Erst durch einen Anruf von Schwiegersohn Jack und einem gemeinsamen Treffen im Krankenhaus kommt die ganze Härte des Überfalls ans Licht: Joanna ist direkt bei Einlieferung gestorben, Carol hat überlebt, leidet allerdings unter einem schweren Trauma.
Paul ist fassungslos und erschüttert. Um die neue Situation erträglicher zu gestalten, stürzt er sich in seine Arbeit und hofft darauf, dass die New Yorker Polizei die Übeltäter so schnell wie möglich ergreift. Aufgeschreckt durch Geräusche auf der Straße, beobachtet er am selben Abend von seinem Wohnzimmerfenster aus, wie Kriminelle die Scheiben eines geparkten Autos einschlagen und Wertgegenstände mitgehen lassen. Zutiefst eingeschüchtert begibt er sich am nächsten Morgen zur Bank und lässt sich 20 Dollar in Hartgeld auszahlen. Damit präpariert er eine Socke die er als Selbstverteidigungswerkzeug mit sich tragen möchte.
Ein Flug nach Tuscon, Arizona bindet ihn wieder an die Arbeit und völlig losgelöst vom urbanen Großstadtflair findet er sich hier in einer sehr ländlich geprägten Gegend wieder. Mit seinem Kontaktmann Jainhill bespricht er das weitere Vorgehen in der Erschließung des wertvollen Bodens. Sichtlich angetan von Paul, nimmt ihn Jainhill mit auf die Schießbahn und erklärt ihm hier, dass alle richtigen Männer in Arizona eine Waffe tragen würden – in New York wohl undenkbar. Als die beiden Männer ins Geschäft kommen, schenkt ihm Jainhill einen prachtvollen Revolver.
Zurück in New York muss Paul feststellen, dass es seiner Tochter immer noch nicht besser geht und sie in ein Sanatorium eingeliefert werden soll. Auf seinem abendlichen Spaziergang am Rande des Hudson-Rivers wird er Opfer eines Überfalls. Ein Drogensüchtiger fordert ihn auf das Geld herauszugeben. Paul überlegt kurz und drückt dann mit seinem neuen Revolver ab. Die Waffe trägt er ab nun immer mit sich. Entsetzt über seine Tat läuft Paul nach Hause. Ab nun geht Paul täglich abends spazieren und wird auch jedesmal Zeuge krimineller Machenschaften. Für seine Kontrahenten kennt er nur eine Antwort: Tod durch erschießen!
Die New Yorker Polizei tappt völlig im Dunkeln. Obwohl die Polizisten fieberhaft nach dem Mörder suchen, spielt Paul den oberen Polizeichefs direkt in die Hände. Durch seinen Feldzug der Selbstjustiz säubert er die Straßen von Kriminalität und arbeitet damit insgeheim für die Polizei.
Als wenn Paul das Unglück magnetisch anziehen würde: In Hinterhöfen, in Unterführungen und in der U-Bahn. Überall hinterlässt er eine blutige Spur und einige Tote. Im Central Park wird er mit drei bewaffneten Halbstarken konfrontiert von denen einer ihn mit der Schusswaffe am Oberschenkel verletzt und fliehen kann.
Auf einem heruntergekommenen Industriegelände verliert Kersey, bedingt durch seine Verletzung, das Bewusstsein und wird durch die Polizei festgenommen und in ein Krankenhaus verbracht. In einem persönlichen Gespräch am Krankenbett gibt ihm der Polizeiinspektor unmissverständlich zu verstehen, dass er New York für immer verlassen solle – dann könne Gnade vor Recht ergehen.
Paul lässt sich durch seinen Arbeitgeber nach Chicago versetzen wo er am Zielflughafen Zeuge einer Situation wird, in der eine junge Frau von ausgeflippten Typen belästigt wird. Hilfsbereit wie er ist reicht er ihr Paketstücke vom Boden auf. Sein Blick ist weiterhin auf die Vandalen gerichtet als er seine rechte Hand anhebt, mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger zur Pistole formt und zielsicher auf die Krawallmacher anlegt.
Ein Mann sieht rot (im Original Death Wish) verursachte im Jahr der Ausstrahlung einen handfesten Skandal der womöglich heute noch Grund ist, den Film weiterhin auf der Indizierungsliste zu belassen: Selbstjustiz!
Der Zuschauer entwickelt im Laufe des Films Sympathien für Kersey und sein rigoroses Vorgehen. In Anbetracht des brutalen Überfalls auf seine Frau und Tochter nur zu verständlich. Dennoch ist Selbstjustiz nicht der richtige Weg Probleme dieser Art auf diese Weise zu lösen. Die Gewalt, die der Film zeigt wäre an heutigen Maßstäben gemessen mit Sicherheit keine FSK 18 Freigabe mehr Wert – zu oft sieht man Erschießungsszenen gar im Vorabendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender.
Für Fans von starken Charakteren, die in Ihrer Filmrolle kaum mehr was zu verlieren haben (z.B. auch William 'D-Fens' Foster aus Falling Down) ist der Film eine absolute Genugtuung.
(Filmkritik von power_channard) filmdetails

Freitag, 14. Dezember 2012

Filmkritik: Lady Snowblood (1973)

US DVD Cover
Japan 1873: Das Land lebt kurz nach dem Ende der Edo-Ära in einem Gefühl diffuser Angst von der westlichen Welt wirtschaftlich sowie militärisch abgehängt zu werden. In einer Aktion um Japan - zumindest militärisch - zu Stärken erlies der Staat dafür das Gesetz zur allgemeinen Wehrpflicht. Dies soll alle männlichen Einwohner mit 16 Jahren zur Registrierung und alle mit 20 Jahre zur Einberufung verpflichten. Diesen Erlass, der in der Bevölkerung großen Widerstand erfährt, nutzen ein paar skrupelose Gangster aus: Sie lassen arme Bauern ihre Kinder von der Wehrpflicht freikaufen und verschwinden daraufhin mit dem Geld. Durch eine vorgeschobene Verwechslung wird von dieser Bande eine Junge Familie getötet, einzig die Mutter wird am Leben gelassen. Nachdem sie für die späte Blutrache an einen der Gangster zum Gefängnis verurteilt wird, bringt sie dort ihr Kind Yuki, ein Mädchen, auf die Welt. Ihre Tochter soll nach dem Wunsch der Mutter - die bei ihrer Geburt stirbt - im Leben nur eines tun: Den Tod ihrer Familie rächen. Yuki wird in den folgenden Jahren zu einer Kämpferin ausgebildet die sich sytematisch jeglichen menschlichen Gefühlen wie Zorn, Liebe oder Angst entledigt. Nach 20 Jahren harter Ausbildung macht sie sich darauf in einem unbarmherzigen Rachefeldzug die Peiniger ihrer Mutter zu finden und zu töten.
Wer bei Lady Snowblood eine Anspruchsvolle Geschichte sucht sollte natürlich besser andere Filme schauen. Wie bei vielen - gerade japanischen - Filme aus dieser Zeit geht es bei Lady Snowblood vor allem um die Inzenierung und nicht um die Story ansich. Grindhouse - oder gar Exploitation - auf hohem Niveau sozusagen. Dies ist in diesem Fall dafür auf ganzer Linie gelungen. In Bildern die teilweise einem Manga entsprungen sein könnten (bzw. auch sind) wird ein gewaltiges Epos über Moral und Rache gezeichnet. Dabei fallen einem immer wieder die beiden namengebenen Farben des Filmes Weiß (für Schnee) und Rot (für Blut) ins Auge. Während Yuki, gespielt von Meiko Kaji, meistens die Farbe Weiß trägt, präsentieren sich die Kontrahenten oftmals in Blutrot. Auch die düsteren Gefängnisszenen sind in einem tiefen Rot gezeichnet, während der im Rückblick zu sehende Vater von Yuki hingegen komplett weiß gekleidet ist. Tragischerweise war sogar aber genau diese Tatsache der Auslöser für seinen Tod. Somit hat die vermeintlich harmlose Farbe Weiß das Blutbad und somit den folgenden Rachefeldzug überhaupt erst ausgelöst. Erst nach mehrmaligen Anschauen wird einem bewusst, auf wievielen Ebenen und mit wievielen kleinen Details Regisseur Toshiya Fujita gearbeitet hat.
Die Komplexität der dort geschaffenen Bilder, die ironischerweise auf den ersten Blick meistens fast simpel wirken, sind sicher einer der Hauptgründe, wieso Tarantino Shurayuki-hime - so der Originaltitel - als einer der Inspirationen für Kill Bill vol. 1 gedient hat. Von der Geschichte der Frau die Rache nimmt, über die Einteilung in Kapitel bis hin zum Finale im Schnee gibt es immer wieder punktuell Dinge zu sehen, die sich Tarantino zur Vorlage genommen hat.
Gesehen habe ich den Film auf einer Rapideyemovies Presse-DVD, die ich vor Jahren durch Zufall bekam - inzwischen gibt es den Film bei Amazon auch zu kaufen, jedoch auch da nur Original mit Untertitel. Dies sollte aber für jeden Interessierten kein Ausschlusskriterium sein. filmdetails

Montag, 6. Februar 2012

Filmkritik: Another Earth (2011)

(c) Artists Public Domain
Rhoda ist 17 Jahre alt und hochbegabt. Gerade mit der Schule fertig geworden, hat sie bereits eine Aufnahmeprüfung am MIT bestanden. Einem Studium an einer der berühmtesten Universitäten der Welt sollte somit nichts mehr im Wege stehen. Doch dann kommt alles anders: Nach einer Party will Rhoda nachhause fahren und begeht dabei einen folgendeschweren Fehler: Die Unaufmerksamkeit von der Länge eines Sekundenbruchteils verändert ihr und das Leben einer kleinen Familie komplett.
Aber auch das Leben der kompletten Menschheit wird nach diesen Abend nicht mehr wie vorher sein. Astronomen entdecken nämlich an diesem Tag einen Zwillingplaneten der Erde, der abgesehen von der Größe, auch die selben chemischen Zusammensetzungen besitzt und - genau wie die Erde - im Weltall blau schimmert.
Wer einen Science-Fiction erwartet ist bei Another Earth eindeutig an der falschen Adresse. Auch wenn die Geschichte um den Zwillingsplaneten stets einen wichtigten Aspekt in der Handlung darstellt, spielt der eigentliche Plot nicht im Makrokosmos des Weltalls, sondern im Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Rhodas Charakter wird ab den Zeitpunkt des Vorfalls an jenen schicksalshaften Abend sehr detailliert und vielschichtig gezeichnet. Der Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf Rhoda selbst sowie ihrer Schuldgefühle, die sie in sich trägt. Der Zuschauer wohnt bei, wie sie verzweifelt versucht ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und dabei in erster Linie nicht an der Welt sondern sich selbst scheitert.
Meiner Meinung nach kann man Another Earth zu einem der unterschätztesten Filme des letzen Jahres zählen. Dies liegt - neben der durchaus interessanten Story vom Zwillingsplaneten (oder Earth 2, wie sie die Menschen im Film nennen) - vor allem an den beiden Hauptdarstellern Brit Marling und William Mapother, wobei erstere hier sogar ihr Spielfilmdebut gibt. Fazit: Uneingeschränkt emfehlenswert für Leute die Science-Ficiton-Filme mit Drama-Anteilen sehen wollen. filmdetails

Samstag, 5. November 2011

Filmkritik: Maniac (1980)

Frank Zito ist ein einsamer Mann mittleren Alters, der in einem heruntergekommenden Appartment irgendwo in New York lebt. Was jedoch niemand weiß: Frank ist ein Serienmörder, der bei Nachts Frauen hintersteigt, sie umbringt und skalpiert. Die Kleidung und die Skalps der Getöteten nimmt Frank sich für gewöhnlich mit in seine Wohnung um dort damit Schaufensterpuppen zu dekorieren. Eines Tages lernt er durch einen Zufall die attraktive Fotografin Anna kennen, in die er sich offenbar verliebt. Doch Frank ist aufgrund seines Doppellebens unfähig in eine Beziehung zu gehen. Spätestens als er eines von Annas Fotomodels kennen lernt, muss er wieder morden...
Maniac ist - im Vergleich zu vielen anderen Slasherfilmen aus dieser Zeit - Regie- und Storytechnisch durchwegs gut gemacht, teilweise sogar anspruchsvoll. Frank Zito als tragische Figur die Norman Bates (fast) Konkurrenz machen könnte - gespielt von Joe Spinell ist durchwegs ein glaubhafter Charakter. Auch die Perspektive der Erzählweise aus der Sicht des Psychopathen hebt Maniac von vielen anderen Filmen ab: Meist werden die Morde doch aus der Sicht von Teenagern erzählt wie z.B. in den Filmreihen von Halloween, Freitag der 13te oder Texas Chainsaw Massacre.
Auch von den Effekten kann sich Maniac blicken lassen, für die sich der Vater aller Specialeffects Tom Savini höchstpersönlich verantwortlich zeichnet. Savini übernimmt übrigens auch direkt eine nette Nebenrolle. Zusammengefasst kann man Maniac jedem empfehlen, der 80iger Jahre Slaherfilme mag und dabei  - zumindest ein wenig - Anspruch haben will. filmdetails

Freitag, 25. Februar 2011

Filmkritik: Winter's Bone (2010)

(c) 2010 Anonymous Content
Bei manchen Filmen versteht man nicht die Logik der Verleiher: Winter's Bone läuft bereits seit über einem Jahr auf Filmfesten weltweit, ist in vielen Ländern bereits offiziell im Kino angelaufen oder sogar schon auf DVD erhältlich. Nur in Deutschland startet der Film erst am 31. März im Kino. Wie dem auch sei, ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte den Film bereits im Original gesehen zu haben. Da der Film für vier Oscars nominiert ist, hier einmal eine kurze Kritik - noch vor der Oscarverleihung und Kinostart.

Ree - gespielt von Jennifer Lawrence - ist 17 Jahre jung und lebt zusammen mit ihrer apathischen Mutter sowie zwei jüngeren Geschwistern im amerikanischen Outback, genauer gesagt in den Bergen der Ozark-Mountains im Bundestaat Missouri. Rees Vater Jessup ist ein Herumtreiber, der sich fast nie zuhause blicken lässt und sich mit Drogengeschäften über Wasser hält. Geld hat die Familie sogut wie keines und muss sich deshalb teils sogar als Selbstversorger behaupten - oder die etwas wohlhabenderen Nachbarn um Hilfe bitten.
Eines Tages kommt der Sheriff des Countys vorbei und will Rees Vater sprechen, der - wie immer - nicht zuhause ist. Diesmal ist es jedoch wirklich wichtig: Es steht eine Gerichtsverhandlung an. Sollte Jessup nicht rechtzeitig zum Termin aufkreuzen, wird das Haus der Familie gepfändet. An dieser Stelle beginnt die eigentliche Story. Ree muss rechtzeitig vor der Verhandlung ihren Vater finden, damit die Familie - die ohnehin schon praktisch nichts besitzt - nicht auch noch das Haus verliert. Dabei stößt Ree auf eine Mauer des Schweigens und lernt ihren verschwiegenen und agressiven Onkel Teardrop näher kennen.

Ich muss sagen, dass ich schon lange keinen Film mehr gesehen habe, der dermaßen kalte und ungemütliche Bilder hat. Winter's Bone ist ein Film über harte Menschen in einer harten Umgebung. Wer einen Horrorfilm oder ähnliches erwartet (man schaue sich mal das Poster zum Film an!), wird enttäuscht. Winter's Bone ist ein anspruchsvoller Film - es wird geredet, es wird auch geschwiegen. Action sucht man vergebens. Der Fokus wird eindeutig auf die Darstellung der Charaktere und damit der weißen amerikanischen Unterschicht, dem White Trash, gelegt. Diesmal zur Abwechselung allerdings nicht in einer Großstadt oder in einem Trailerpark, wie man es bereits schon öfters gesehen hat. Hillbillies ist wohl das treffende Wort für diese Personengruppe. Winter's Bone ist gleichzeitig auch einer der ersten Filme, der diese Klientel realistisch portraitiert und sie nicht nur als zurückgebliebene Hinterwäldler für Sideshow-Charaktere propagiert. Abgesehen von den zum Teil schönen - gleichzeitig aber deprimierenden - Landschaftsbildern sind die beiden Hauptdarsteller Jennifer Lawrence und John Hawkes die besten Gründe sich den Film anzusehen. Hawkes ist mit seiner Rolle als Onkel Teardrop meiner Meinung nach nicht umsonst als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert und hätte es für seine Darstellung mehr als verdient. filmdetails

Montag, 21. Februar 2011

Filmkritik: 127 Hours (2010)

(c) Fox Searchlight Pictures
Aron Ralston ist ein junger dynamischer Sportler und Extrembergsteiger. Gutausehend, durchtrainiert und oft arrogant gegenüber seinen Mitmenschen hält er so einiges von sich. Als er eines Tages in Utah auf einer seiner Klettertouren unterwegs ist, kommt jedoch alles anders: Bei dem Versuch eine enge Schlucht zu überwinden verliert Aron die Kontrolle und stürzt dabei mehrere Meter tief. Das schlimmste ist jedoch nicht der Sturz allein, wie sich herausstellt: Arons rechter Arm wurde beim Fall von einem mehreren Zentner schweren Stein einklemmt. Alle Bemühungen den Arm herauszuziehen Scheitern, genauso wie der Versuch den Stein wegzuschieben. Nach einiger Zeit wird Aron klar, dass er in der Schlucht ein Gefangener ist und ohne Fremde Hilfe eine Befreiung kaum möglich sein wird. Was folgt ist ein 127 Stunden langer Horrortrip, bei dem Aron mit seinen tiefsten Ängsten konfrontiert wird. Dabei wird ihm auch erstmals im Leben bewusst, dass er keinen hat, der nach ihm suchen wird. Seinen Kollegen und Bekannten erzählt er nie wohin er geht, den Kontakt zu seinen Eltern hat er schon lange abgebrochen, eine Freundin oder Frau hat er nicht. Aron wird auf grausame Weise klar, dass sich hinter dem gutausehenden ergeizigen Sportler in Wahrheit nur ein bemitleidenswerter Eigenbrötler befindet. In einem letzen Akt der Verzweiflung bleibt Aron nur eine Möglichkeit seinem Schicksal zu entkommen: Der Arm muss abgetrennt werden.
Danny Boyle hat mit 127 Hours einen Film geschaffen der eine Urangst erweckt, die in wohl fast jedem Menschen steckt: Die Angst sich nicht bewegen zu können. Boyle geht jedoch sogar noch einen Schritt weiter: Aron (den es übrigens wirklich gibt; der Film beruht auf einer wahren Begebenheit) ist nur aufgrund eines äußeren Einfluss bewegungunfähig und nicht körperlich gelähmt. Trotzdem kann er sich keinen Meter weit bewegen, geschweige denn aufstehen und einfach hinfort laufen. Der komplette Film gleicht einem Kammerspiel, ähnlich wie Buried oder Nicht auflegen! - jedoch ist der Charakter hier nicht eingesperrt oder wird von einem Widersachen künstlich bewegungsunfähig gemacht. Die Geschichte dreht sich einzig und allein um Aron und sonst niemanden. Es gibt keinen Handlungsstrang, keinen Antagonisten oder gar eine Auflösung, warum alles so kam. Genau dies macht diesen Film aber in seiner Qualität aus. Die Geschichte dreht sich ausschließlich um den 127 stündigen Horrotrip von Aron. In kurzen Rückblicken wird gezeigt, wie Aron sich immer abweisender gegenüber seinen Mitmenschen verhalten hat und letztendlich den Kontakt zu allen, inklusive seiner Eltern abgebrochen hat. Nur er selbst und der Sport waren ihm wichtig - alles andere war egal. Dies alles rächt sich jetzt allerdings auf eine furchtbare weise.
Nicht umsonst ist 127 Hours für 6 Oscars nominiert. Regie, Kamera und Schnitt passen einfach. Eine Glanzleistung legt aber James Franco hin, der in praktisch jeder Szene zu sehen ist und leidet, dass es einem teilweise fast schwer fällt weiterzuschauen. Einzig der Soundtrack erscheint an einigen Stellen deplaziert bzw. fast nervend - was dem Gesamtbild jedoch nichts abtut. filmdetails 

Freitag, 11. Februar 2011

Filmkritik: Black Swan (2010)

Nachdem Darren Aronofsky 2008 The Wrestler macht, wurde mit Spannung sein neues Werk erwartet. Als ich letztes Jahr gelesen haben, dass es um Ballett ging, war ich zunächst etwas skeptisch. Sicher, mit dem Thema Wrestling wurden in erster Linie Männer angesprochen: Mit Ballett folgten dann die Frauen als Zielgruppe
(c) 2010 Fox Searchlight Pictures
So simple ist es allerdings dann doch nicht. Denn Aronofskys Filme sind alles andere als oberflächig oder gar leicht in irgendwelche Schubladen einzuordnen. Tatsächlich wird fast jeder Zuschauer von seinen Filmen angesprochen - irgendwie jedenfalls: denn egal ob Wrestling oder Ballett - Aronofsky bedient sich in seinen Filmen lediglich um einen Transmitter für die eigentliche Story. Und genau so ist es auch bei Black Swan. Die Story hätte mit Wrestling vermutlich genauso funktioniert, wie The Wrestler mit Balett - Die Darsteller sowie die Erzählung an sich sind das Wesentliche.
Nina Sayers - großartig gespielt von Natalie Portman - ist eine Balletttänzerin in New York, die noch am Anfang ihrer Karriere steht und auf den großen Durchbruch wartet. Für die das neue Stück Der Schwanentanz sucht  Regisseur und Initiator Thomas Leroy in seinem Ensemble die passende Tänzerin, die den weißen sowohl aber auch den schwarzen Schwan verkörpern soll. Seine Wahl fällt auf Perfektionistin Nina, die sich nichts mehr gewünscht hat als diese Hauptrolle zu bekommen. Von nun an beginnt eine harte Zeit des Probens: Denn Leroy ist mit ihrer Performance nicht zufrieden, will aber gleichtzeitig auch niemand anderen für die Rolle auswählen. Nina beginnt nun sich immer mehr zu quälen: Kann sie den weißen Schwan schon bald performen, macht ihr der Part des schwarzen Schwans umso mehr zu schaffen. Doch langsam aber sicher wächst sie immer mehr in ihre Rolle und entdeckt die dunkle Seite an sich selbst: Die Seite des schwarzen Schwans.
Die Geschichte genau zu erzählen ist nicht das Wesentliche - denn eigentlich passiert nicht all zuviel. Komplizierte Handlungsstränge sucht man vergebens. Das besondere an Black Swan ist, wie die Geschichte erzählt ist. Aronofsky schafft es über knapp zwei Stunden eine dunkle und dreckige Atmosphäre zu schaffen, die zeigt wie man Ballett eigentlich gar nicht kennt - oder vielleicht gar nicht kennen will. Wo bei The Wrestler der Wrestling-Sport demontiert wurde, muss hier das Ballett dran glauben. Natalie Portman - die in fast jeder Szene zu sehen ist - verwandelt sich in der Zeit vom lieben Mädchen hin in den schwarzen Schwan, der gleichzeitig Metapher für Ninas dunkle steht. Diese Seite will nämlich nicht nur den Erfolg - sondern hat auch andere Interessen, die so gar nicht in das leben einer Primaballerina passen: Sex, Drogen und Wutausbrüche. Gleichzeitig übt sie sich in strengster Selbstdisziplin um perfekt zu werden, was auch mal darin endet, dass ihr nach einer harten Übungsstunde die Füße bluten. Aronofsky zeigt in verwackelten dunklen Bildern, wie nah Aufstieg und Fall zusammen liegen. Nina will alles, erreicht alles und steht am Ende - wortwörtlich - vor dem absolutem Nichts.
Black Swan ist ein ungemütlicher aber großartiger Film. Ein Film, den man sich sicher mehrmals ansehen kann, weil einem beim ersten Anschauen bestimmt einige Sachen entgangen sind. Abschließend sei noch gesagt, dass kein Mann Angst haben muss den Film zu sehen. Es geht zwar um Ballett - aber Ballett ist nicht das, worum es bei dem Film geht.
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